Leseprobe aus dem 3. Kapitel

 

Das offene Haar verdeckte den Blick auf ihre Wange. Um einen Grund zu haben, das Mädchen weiter anzuschauen, fing ich flüsternd an, Fragen zu stellen, die sie errötend mit Ja oder Nein beantwortete. Bald schon ließ ich auch das Fragen bleiben und schaute sie nur noch an. Sie glühte förmlich. Vor Scham? Warum war sie so dermaßen schüchtern? In ihrem Alter! 

 

Tania von Rosenfels, die meinen Blick bemerkte, fragte: „Gefällt sie Ihnen?“

 

Ich sah in ihr Gesicht. Dasselbe gerade Lächeln wie damals im Cabrio. Ich sah wieder die Geste, mit der sie ein fenstergroßes Quadrat in die Luft gezeichnet hatte. Auf der Bühne bekam jetzt eine dünne, blonde Malerin Blumen überreicht.

 

„Schönes Haar, finden Sie nicht?“ Tania von Rosenfels griff in Luises Haar, hob es hoch, entblößte dabei Luises Wange und strich das Haar sanft zur Seite, sodass die weiche Rundung nun vollkommen frei lag. „Gefällt sie Ihnen?“, wiederholte sie, griff in den Nacken des Mädchens und drehte ihren Kopf in meine Richtung.

 

Ich sagte nichts. Die Wangen der jungen Frau waren sanft gewölbt, das Kinn rund und mit einem niedlichen Grübchen. Im Licht der Leuchter schimmerte ihr Haar fast golden.

 

„Sie können es anfassen. – Luise liebt mich. Und sie weiß, dass ich alles, was ich liebe, mit Freunden teile.“ Sie hielt mir das Haar hin. „Es ist sehr weich … ausgesprochen angenehm.“

 

Mein Arm lag noch auf der Lehne, ich hätte die Hand nur ein winziges Stück heben müssen, um das Haar mit den Fingerspitzen zu berühren. Ich wagte es nicht. Ich warf einen kurzen Blick auf Tania von Rosenfels und versuchte anhand ihres Gesichtsausdrucks herauszufinden, ob sie mich bloßstellen wollte.

 

Ihre Augen sahen mich ausdruckslos an, ihr Mund war ernst. Auf eine zwanglos ironische Art ernst. Ich weiß nicht, was in mich fuhr, schließlich hätte jeder mich sehen können – den Deutschlehrer der Oberstufe –, aber ich konnte in diesem Moment irgendwie an nichts anderes mehr denken als an Luises Haar und ich schob meine Hand ein winziges Stück höher, bis meine Fingerspitzen die blonden Haarenden berührten. Ich ließ die Finger darübergleiten, und diese weichen Locken zu spüren, hatte etwas unglaublich Intimes, etwas … Verbotenes. Ich wollte gerade vorsichtig versuchen, richtig hineinzugreifen, da schaute Luise plötzlich hoch. Im selben Moment realisierte ich, was ich gerade tat: Ich griff einer fremden Frau ins Haar. Ich berührte sie, obwohl sie mir das nicht erlaubt hatte! Sie sah mich einige Momente lang an, dann senkte sie den Blick wieder. Die seidigen hellbraunen Wimpern lagen auf der Wange auf. Ich hatte sofort meine Hand weggerissen und auf den Tisch gezogen. Ich griff nach meinem Weinglas und trank hastig ein paar Schlucke.